Panik Date mit der Bahn

Endlich neue Leute kennen lernen, wenn auch unfreiwillig!
Verdammt zum Bahnfahren!
 
Mein Auto war defekt und ich kam in den Genuss, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Konnte ja nicht so schlimm sein, schließlich ist es für Millionen Bahnkunden ein gern genutztes Fortbewegungsmittel. Da stand ich nun. Es war windig, kein Platz zum Sitzen, aber dafür genügend Frischluft, die bekanntermaßen gut tat. Noch zehn Minuten bis die Bahn kommen würde. Zehn Minuten zum Durchatmen und die Lungen mit Sauerstoff zu füllen, bis auf den Passivrauch, der mir grade von dem Wartenden neben mir in die Nase stieg.
 
Ich werde meine Freunde mit Nachrichten wecken. Nachdem ich mich umgesehen hatte, schien das hier jeder so zu machen und ich passte mich an. „Liebe Fahrgäste, aufgrund von Baumaßnahmen fällt die S123 heute leider aus. Bitte nutzen Sie die Umsteigemöglichkeit mit der Buslinie XYZ. Großartig. Während ich eben noch frohen Mutes in den Tag startete, verschlechterte sich meine Laune rapide. Auch das musste offenbar so sein, und ich passte mich wieder den anderen Bahn, -bzw. Busreisenden an. Ich suchte mir einen Platz und es setzte sich ein junger Mann neben mich.

 

Date-Faktor?

Er trug eine Gitarre und eine Aktentasche mit sich, die auf meinen Schoß fiel. Kontaktversuch? Seine Chancen auf ein Date sanken. Ich schob seine Tasche zur Seite und in den nächsten zwanzig Minuten landetet sie dutzende Male auf mir, bis ich sie ihm vor die Füße schmiss. So wurde das nichts mit unserer Hochzeit. Das hatte eher Scheidungscharakter. Hinfahrt überstanden, Trennung eingereicht, da konnte die Rückfahrt ja kommen für die neue Partnerplatzsuche.
 
Abfahrt 21 Uhr. 21.05 noch immer keine Bahn in Sicht und es war langsam schon dunkel. Hatte ich mich vertan?
 
Ich schlenderte zum Fahrplan und ein deutsch aussehender korpulenter Mann folgte mir. Hätte er mich nicht angestarrt, hätte ich es für Zufall gehalten, dass er mir zur Auskunft hinterher dackelte. Der Zug hätte längst kommen müssen, tat er aber nicht. Kein Aushang, keine Durchsage. 21.10 Uhr. Zwanzig Minuten später leuchtete die Tafel für den nächsten Zug auf. Mittlerweile war ich mit dem korpulenten Mann verheiratet, denn er hegte Besitzansprüche, indem er mich mit den Augen auszog und bedrängte. Schon länger stand er auch nur noch einen Meter von mir entfernt. Ich fühlte mich von Minute zu Minute unwohler. Endlich. Die rettende Bahn fuhr ein. Ich nahm die Tür, die weiter von mir entfernt lag, um die Masse meines Anhängers abzukoppeln.
 

Hindernisse beim Dating

Ein Betrunkener behinderte mein Tempo, über den ich am Eingang stolperte.
„Noch n Blieer?“, hauchte mir etwas vom Boden her entgegen.
„Hey, aber es sprach Deutsch“, glaubte ich zumindest.
Die ersten Worte, die mir irgendwie bekannt vorkamen in meiner öffentlichen Umgebung. Ich fühlte mich unwohl und als nüchterner Deutsche wie ein Exot am Bahnhof Zoo.
 
Wenn wir ehrlich sind, haben wir Vorurteile und Ängste gegenüber unseren ausländischen Mitbürgern. Nicht zuletzt, wenn man im Dunkeln am Bahnsteig auf der Anzeigetafel vom Würzburger Axtmörder erfährt. Gerechtfertigt oder nicht halten wir die meisten, aufgrund ihrer anderweitigen Kultur, Hautfarbe, Nationalität und der steigenden Kriminalitätsrate, für gefährlich.
 
Der Korpulente nahm neben mir Platz. Das durfte nicht wahr sein, und schon wieder starrte er mich an. Er rollte mir offenbar nach und ich mit meinen Augen. Um mich bewaffnet und sicherer zu fühlen, klemmte ich meinen Haustürschlüssel zwischen die Finger und überdachte Selbstverteidigungsvideos. Sollte ich ihn ansprechen oder lieber ignorieren und schweigen. Was war das Richtige in dieser Situation?
 
Laut "Stopp!" rufen hielt ich zum aktuellen Zeitpunkt für fragwürdig. Ich fasste einen Entschluss und versuchte so kratzbürstig wie möglich zu sein.
„Ist was, weil Du mich die ganze Zeit anstarrst?“, fauchte ich ihn an.
Ich wollte keine Schwäche zeigen. Jetzt wurde auch der ausländische junge Mann gegenüber von mir auf mich aufmerksam. Er warf mir einen Blick zu. Dann schaute er zu meiner kräftigen Bedrohung.
„Ja! Ist was?“, fragte er ihn eindringlich und mich unterstützend.
Der starke Nachbar wendete sich von mir ab. Endstation! Ich stand auf, blickte zu meinem ausländischen Freund, lächelte ihn an und hinterließ ihm ein Danke beim Aussteigen.
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